Im Reich des Alpenkönigs
Über Jahrhunderte lebten in den abgelegenen Bergtälern des Friaul Menschen, getragen von Landwirtschaft, Waldarbeit und dem Bergbau. Das Leben war hart, die Arbeit fordernd, die Winter lang. Als der Bergbau zurückging und die Städte neue Möglichkeiten boten, leerten sich die Täler langsam. Naturereignisse und wirtschaftliche Umbrüche beschleunigten diesen Prozess. Zurück blieben Orte, die nicht verlassen wirken, sondern wie Räume, die aus dem Alltag herausgefallen sind.
Heute fahren täglich tausende Menschen über die Autobahn durch das Kanaltal Richtung Süden, ohne zu ahnen, was wenige hundert Meter neben ihnen liegt. Hinter den Felswänden öffnen sich Täler, die kaum jemand kennt – stille Landschaften voller Spuren, Geschichten und Übergänge. Sie liegen so nah, dass man sie fast berühren könnte, und bleiben doch unsichtbar für jene, die nur hindurchfahren.
Zwischen diesen Bergketten liegen Orte wie das Raccolana‑Tal, das Val Resia, das Val Aupa oder das Val Alba. Manche Häuser halten sich noch gegen die Zeit, andere sind längst Teil des Waldes geworden. Wege verschwinden, Wasser und Licht schreiben neue Linien über alte Strukturen. Die Landschaft arbeitet langsam, aber unaufhaltsam.
Diese fotografische Arbeit ist keine Suche nach Vergangenheit. Sie ist eine Annäherung an Räume, die sich öffnen, wenn man ihnen zuhört. Ich bewege mich zu Fuß, mit wenig Ausrüstung und viel Aufmerksamkeit, und beobachte, wie Natur, Architektur und Erinnerung ineinander übergehen. Es ist eine Langzeitdokumentation über Rückzug und Beharrlichkeit. Eine stille Erzählung über Orte, die nicht laut werden müssen, um Wirkung zu entfalten.
„Im Reich des Alpenkönigs“ verweist auf den Tagliamento, der als letzter weitgehend unregulierter Wildfluss der Alpen gilt – ein Strom, dessen natürliche Dynamik über Jahrhunderte Landschaften, Siedlungen und Wege geprägt hat und bis heute als seltenes Zeugnis einer ursprünglichen Flusskultur fortbesteht.

